SUSN KOHL

Anne-Mie Van Kerckhoven: Serving Compressed Energy with Vacuum

Ausstellungkritik Kunstverein München in: Reflektor–M (Mai 2015)

 

Die Herzkranken des Tryptichons Diagnose aus den Augen wirken wie drei Maria Lassnigs auf Neon-LSD. Der Zacken der Plexiglasscherbe, auf die das mittlere Bild gemalt ist, sticht den Betrachter mitten durchs Auge ins Herz. Das künstlerische Universum von Anna-Mie Van Kerckhoven besteht aus unzähligen Teilen und es fesselt ganz besonders dort, wo sich die Bilder von fantastischen Interieurs ins weiträumig Dreidimensionale ausfalten. An diesen Stellen wird der Betrachter leibhaftig in ein Werk integriert, das Wissenschaftliches und Persönliches auf einer neuen Ebene verschränkt und von diesem Ort aus selbstbestimmt auf die Welt zurückblickt.

Als Rohstoff verwendet die Künstlerin gerne vorgefundenes Material wie Plexiglas aus einer Fabrik, in der sie arbeitete oder eine Kollektion von der Großmutter ererbter alt-antwerpener Polstersessel. Weitere Inspirationsquellen sind ihr wissenschaftliche Zeichnungen, Fotografien aus Magazinen sowie der Inhalt von Sachbüchern. In Serien verarbeitet sie malend und zeichnend die neuen Informationen, so zum Beispiel den Inhalt eines Buches über mathematische Biharmonische Gleichungen auf 45 Frottee-Musterstücken.

Großformatige, von hinten beleuchtete Wandkästen wirken wie die Abdrücke eines inneren Zustandes: Klare, eher minimalistische Kompositionen auf getönten Plexiglasscheiben glühen in sanften Farben und vermitteln das Gefühl einer unumstößlichen Ordnung. Die Objekte lassen seitlich ihre Konstruktion erkennen, und nichts ist verborgen. Die Oberflächen wiederum geben auch bei näherem Hinsehen nicht preis, was nun darüber und darunter geklebt, gemalt, geschrieben und gesteckt wurde. Das ist nun logisch und unlogisch zugleich und ergibt einen Überlagerungszustand, den jeder Mensch aus seiner eigenen Wahrnehmung kennt, in einer so deutlichen Form aber selten zu Gesicht bekommt.

Ein großes Konvolut Zeichnungen unterschiedlicher Formate sind in einer Art Wolke gehängt, um die thematischen Zusammenhänge sichtbar zu machen. Auf den Zeichnungen tauchen immer wieder die „Friendly Spheres“ auf – runde, weich schattierte Farbflecken, die einen Gegensatz bilden zu den präzise gezeichneten Interieurs. Sie stellen laut der Künstlerin die stets vorhandenen positiven Energien dar, die sie in Ihrem Schaffen begleiten.

Im Dämmerlicht des letzten Raumes schimmern drei große Werke in einer kongenialen Installation: Oben tanzen zwei Gestalten auf einer Videoprojektion zu einem poppig-lakonischen Rhythmus im Takt. Das übermannshohe Mandala „In ons, of nergens“ (In uns oder nirgends) strahlt eine geheimnisvoll leuchtende Ruhe aus. Schräg davor steht eines der enormen Arbeitsmodule in Form eines Regales auf Rollen, an dessen Rückseite ein komplexes Gemälde montiert ist. Dieses Bild wird wiederum in einem Spiegel an der Wand reflektiert – und der Betrachter gleich mit. Auf einmal befindet sich der Besucher inmitten eines Bildwerks Van Kerckhovens. Die Gleichzeitigkeit und das Anderssein verschwimmen zu einem großen Moment.

Das künstlerische Vorgehen Van Kerckhovens, das auf sie hereinströmendes Wissen – sei es die digitale Bilderflut oder eine Anleitung zu manipulativem Marketing – sogleich wieder umzusetzen in neue Bildwelten, und dabei den inneren Prozessen einen ebenso hohen Stellenwert wie jedem äußeren Geschehen zugesteht und sie als gleichwertig gegeben annimmt, ermutigt den Betrachter, das persönliche Erleben als Wirklichkeit anzuerkennen – auch und gerade angesichts der Komplexität der Welt. Die Realität ist eine zu gestaltende.

Die Ausstellung ist eine große Werkschau über verschiedene Schaffensperioden hinweg und wirkt doch wie aus einem Guß. Während der Führung von Chris Fitzpatrick durch die Schau wurde das intime Verhältnis spürbar, das zwischen dem neuen Leiter des k.m in der Zusammenarbeit mit der Künstlerin und ihrem Werk entstanden ist.

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